Begründung der Jury:

„Mirr“ ist ein Wort aus der Sprache der Bunong, eines kleinen Volks, das im Osten von Kambodscha lebt. Binchey, ein Bauer in der Provinz Mondulkiri, wird von seinem Feld („Mirr“) vertrieben, und mit diesem letzten Feld verliert seine Familie ihre Existenzgrundlage. Ebenso geht es den anderen Bauern des Dorfes: Sie alle sind von den Landenteignungen durch die Plantagenbesitzer betroffen. Statt sich selbst von ihren Feldern ernähren zu können, entstehen große Monokulturen mit Kautschukbäumen.

Regisseur Mehdi Sahebi sollte eigentlich im Auftrag des Ethnologischen Seminars der Universität Luzern einen Dokumentarfilm über das Volk der Bunong drehen. Doch der Filmemacher, Ethnologe und Historiker bringt eine andere Ebene in seinen Film: Er lässt die Menschen des Dorfes die Geschichte ihrer Vertreibung selbst erzählen und spielen. Er bindet die Bevölkerung in das Projekt ein: Gleich am Anfang wird – Film-im-Film – gezeigt, wie der Dorfälteste die Dorfbewohner zusammenruft, damit diese sich bereits gedrehte Szenen ansehen. Erst nach und nach erschließt sich dem Zuschauer, welche Handlungsebene gerade gezeigt wird: Dokumentation und Inszenierung verschmelzen.

Mehdi Sahebi hat über einen Zeitraum von sieben Jahren bei den Bunong recherchiert und gedreht. Aus vielen vor Ort geführten Dialogen schuf er ein Drehbuch, dessen Szenen die Dorfbewohner nachspielen – um hinterher zu bezeugen: Ja, genauso hat es sich abgespielt. Die Skepsis der Dorfbewohner vor dem Filmprojekt weicht der Überzeugung, dass sie sich selbst darstellen können. Die Handlungsebenen verschwimmen wieder, wenn „Mirr“ die Bauern zeigt, wie sie üben, ob sie ein streitendes Ehepaar spielen können. Spielerisch entstehen auf diese Weise Szenen aus ihrem realen Leben, die den weitreichenden Einfluss der Enteignung aufzeigen: Die entwurzelten und zur Untätigkeit verdammten Menschen betäuben sich mit Alkohol, was wiederum weitere Probleme verursacht.

Mehdi Sahebi gibt Binchey und den anderen Dorfbewohnern die nötige Zeit und den ihnen gebührenden Raum, sich und ihre Geschichte zu entfalten. Er zeigt sie in ihrer bedrohten Würde, porträtiert sie in einer erstaunlichen Nähe, die sich auf den Zuschauer überträgt und entfaltet in einem langsam fließenden Rhythmus ein gleichermaßen komplexes wie poetisches Mosaik. Mehdi Sahebi zeichnet auch für den Schnitt und die hervorragende Kamera verantwortlich, die die Protagonisten auf außerordentliche Art und Weise erfahrbar werden lässt.

So entspinnt sich im Film das Thema der Landvertreibung mit allen seinen Facetten und Auswirkungen auf die Bewohner, und mit ihr die unwiederbringliche Vernichtung der Kultur des Volkes der Bunong, die keine schriftliche, sondern „nur“ eine mündliche Tradition haben. „Mirr“ ist der erste Film in der Sprache der Bunong, und damit auch ein Dokument einer sterbenden Kultur. Dem Filmemacher ist dies bewusst, er integriert immer wieder die Mythen und auch die Musik des Volkes organisch in den Film.

Mehdi Sahebi ist ein sensibles und hochgradig authentisches Kunstwerk gelungen, das verschiedene Erzählebenen gekonnt zu einem Ganzen vereint. Obwohl unter Zensurbedingungen gedreht, ist der Film eine reale und damit auch schonungslose Abbildung der Vertreibung, Landvernichtung und Zerstörung einer reichen Kultur. Einen Ausweg scheint es nicht zu geben: Binchey, der mit seinem Motorrad losfährt, um für seine Familie eine neue Heimat zu finden, wo er ein Feld bebauen könnte, muss erfolglos wieder zurückkehren. Das Schlussbild ist ein temporäres, das eines Zwischenstadiums, Ausdruck des ungerechten Systems, das die Bauern zu Verlierern macht: Binchey hat einen neuen Platz für seine Familie in ihrem Feldhaus gefunden; geduldet zwischen den Kautschukbäumen dürfen sie säen und ernten. Jedoch nur, solange die Bäume jung sind und nicht zu viel Schatten werfen …

„Mirr – Das Feld“ ist das Ergebnis einer sieben Jahre langen Autorenarbeit. Ein Film, der die Perspektive „von unten“ einnimmt, die Geschichte aus der Sicht der Dorfbewohner erzählt und somit auch Partei ergreift. Der iranisch-schweizerische Regisseur Mehdi Sahebi macht das komplexe System des „Landgrabbing“ auf filmisch kunstvoll erzählte Weise transparent und die Lebenssituation der Vertriebenen für den Zuschauer emotional nachvollziehbar.


Filmwebseite

Auf der Filmwebseite www.mirr.ch finden Sie Daten von Festivals und Auszeichnungen, den Trailer und Bilder aus dem Film, genaue Filmdeaten und Kontaktdaten.

 

 


Filmbeschreibung

Eine detaillierte Filmbeschreibung zum Film MIRR – das Feld finden Sie auf Sennhausers Filmblog, einem Schweizer Michael Sennhauser, der den Film auf den 52. Solothurner Filmtagen gesehen hat. Sennhausers Filmblog

 


Trailer von MIRR