Aidsaktion: “We won’t leave you alone”

Demonstration in Südafrika

August 2015. FRIEDENSBAND sollte einen Workshop in der Realschulklasse 9 in Kerpen zum Thema “Aktiv werden” geben. Am Tag zuvor ging bei uns eine Presseerklärung von Brot für die Welt ein: In Queenstown, einer kleinen Stadt in Südafrika, haben 2000 HIV-kranke und ihre Angehörigen vor dem örtlichen Krankenhaus demonstriert, weil sie die für sie bereitliegenden Medikamente endlich bekommen wollten. Die Polizei kam und trieb sie mit Gummigeschossen und Knüppeln auseinander!” Das nahm Günter Haverkamp zum Thema des Workshops. In der Klasse herrschte atemlose Stille, nachdem der knappe Text verlesen war. Das konnten die Jugendlichen nicht glauben. Natürlich hatte FRIEDENSBAND vorher mit Brot für die Welt Kontakt aufgenommen, sich weitere Informationen geben lassen und die Zusicherung, dass ein Kontakt der Jugendlichen in Kerpen zu den Menschen in Südafrika möglich wäre.

Solidarität aus Deutschland

Die Jugendlichen waren so wütend über diese Ungerechtigkeit, , was sie für die Menschen tun könnten, war schnell beantwortet: Schreibt ihnen einen Brief und sagt ihnen “We won’t leave you alone”. Der Brief ging nach Südafrika und zwei Wochen später war die Antwort da. Bei der nächsten Demonstration winkten die Menschen in Queenstown mit dem Brief der 15jährigen aus Deutschland. Sie fühlten sich bestärkt. Und sie schrieben einen wunderbaren Brief an die Jugendlichen und bedankten sich für die Unterstützung.

Die Reaktionaids

Das Aktionsbündnis gegen AIDS hatte gerade eine Unterschriftenaktion gestartet: Medikamentenschachteln, auf denen die Forderungen standen.

05aids041Der Brief der Menschen aus Südafrika ,brachte die SchülerInnen in Kerpen dazu, etwas ganz Großes zu planen, damit auf dieses Unrecht aufmerksam gemacht wird: Ist es möglich, innerhalb von zwei Stunden 10.000 Unterschriften zu bekommen – und das in einer Stadt, die 63.000 Einwohner hat?

Die Jugendlichen zeigten große Organisationsfreude. Es wurden sieben Stände in sieben Ortsteilen von Kerpen geplant und durchgeführt. Punkt 15 Uhr war Start, punkt 17 Uhr Ende der Aktion. Die Schule hat die organisierenden Schüler von der letzten Schulstunde befreit. Die Jugendlichen lernten sehr viel in diesem Projekt. Logistisch war es eine Meisterleistung.

FRIEDENSBAND sorgte dafür, dass ein Bündnis aus Brot für die Welt, UNICEF, Kindernothilfe, terre des hommes und natürlich dem Aktionsbündnis gegen Aids selbst, entstand

Mit drei Presseerklärungen wandten wir uns an die Medien: Presseerklärung vom 16.11.2005Presseerklärung vom 24.11.2005Presseerklärung vom 28.11.2005. Die Reaktion der Medien war außergewöhnlich: So sendete Radio Erft am Weltaidstag stündlich die Bitte an die Bevölkerung, die Jugendlichen zu unterstützen: “Wenn Sie in einem Hochhaus wohnen und es klingelt bei Ihnen zwischen 15 und 17 Uhr, gehen Sie nach unten und geben Sie den Jugendlichen Ihre Unterschrift!”

Auch die Schulministerin von NRW unterstützte die Aktion und übernahm die Schirmherrschaft, was den Jugendlichen bei der Ansprach der anderen Schulen sehr half.  Die riefen in einem Brief an alle Schulvertretungen in Kerpen die Jugendlichen auf, mitzumachen.  Zur inhaltlichen Vorbereitung hatte unser Partner Plan International mit uns eine Unterrichtseinheit “Lektion fuers Leben 2005” erstellt.

Gemeinsam mit Brot für die Welt stellten wir ein Bücherpaket für die Schulen in Kerpen zusammen. Mit der Melanchthon-Akademie organisierten wir einen Radioworkshop. Das Ergebnis, eine halbstündige Sendung, wurde bei Radio Erft, dem Lokalsender, gesendet. Mit einem Argumentationspapier bereiteten wir die Jugendlichen auf das Unterschriftensammeln und die entsprechenden Rückfragen der Erwachsenen vor. Ein Religionslehrer des Gymnasiums brachte sein Aids-Projekt in Südafrika mit entsprechenden Informationen ein.

Der Aktionstag

Es war kalt an diesem 1. Dezember 2005 und als die 1200 SchülerInnen zu den sieben Standorten kamen, dauerte die Vorbereitung quälend lang. Bis jeder sein kleines Aktionsbündel griffbereit vor sich liegen hatte und endlich die Trillerpfeife um 15 Uhr den Start ankündigte, war viel Geduld und innere Wärme gefragt.

Dann stürmten die Jugendlichen los. Sie hatten sich untereinander Bezirke, Häuser, Straßen und Geschäfte aufgeteilt. Wer sich an der Aktion beteiligte, bekam einen roten Punkt, damit er nicht mehrfach angesprochen wurde. Alle wurden von den Jugendlichen ermahnt, ganz bestimmt beim Sex immer Kondome zu benutzen. Jeder hatte auch genug dabei, sie weiterzugeben.

Tatsächlich kamen um 15 Uhr die Menschen aus den Häusern den Jugendlichen entgegen. Die Autofahrer blieben geduldig stehen, bis auch sie unterschrieben haben. In den Geschäften kamen die KundInnen zum Unterschreiben zusammen. Am Bahnhof kamen von Durchreisenden schnell während des Aufenthaltes ein paar Unterschriften dazu.

An sieben Standorten konnten die BewohnerInnen “wählen” gehen. Es gab lange Schlangen von Menschen, die bewusst sich auf den Weg gemacht hatten, die Jugendlichen zu unterstützen.

Von allen Organisationen kamen VertreterInnen aus Osnabrück, Freiburg, Köln und Frankfurt, um die Aktion zu beobachten. Was sie sahen, beeindruckte sie und alle PolitikerInnen und JournalistInnen sehr. Es veränderte das Bild von den Jugendlichen.

Das Ergebnis

Der größte Teil der Jugendlichen ging mit dem Endpfiff um 17 Uhr nach Hause, um sich aufzuwärmen. Aber etwa 50 Jugendliche wollten zählen helfen und waren neugierig auf das Ergebnis. Das machte sie dSenait Mehari und Inusaann stolz und traurig: Sie hatten statt der 10.000 Unterschriften “nur” 9.758 gesammelt. Damit hatten sie viel mehr bewirkt, als sie es ahnen konnten. Die 16 Organisationen im Aktionsbündnis gegen Aids hatten geplant, mit der Aktion des Jahres 2005 immerhin 100.000 Unterschriften zu sammeln. Nun hatten die Kerpener Jugendlichen innerhalb von 2 Stunden ein Zehntel davon geliefert. Der interne Aufruf mit dem Beispiel dieser Jugendlichen brachte ein schönes Ergebnis: Gesammelt wurden insgesamt 250.000 Unterschriften!

Fest der Solidarität

Um den Jugendlichen deutlich zu machen, dass sie etwas besonderes geleistet haben, organisierten wir im Anschluss an die Aktion ein Fest der Solidarität in der Sindorfer Kirche. Aus Berlin kam Senait Mehari um dem Fest einefahne besondere Note zu geben. Sie brachte Inussa Dawuda aus Hamburg mit, einen tollen Saxofonisten und Sänger.

Erst später erfuhren wir, dass Senait im Krankenhaus gelegen hatte und sich extra früher entlassen ließ, weil sie unbedingt zu den Kerpener SchülerInnen wollte.

Für die von der Aktion und der Kälte ziemlich mitgenommenen Jugendlichen war das Konzert und die Feierlichkeit die Krönung des Tages.

Um die Leistung der Jugendlichen, die in diesem Jahr bereits mehrmals zeigten, wie stark ihre Solidarität mit anderen Menschen ist, zu würdigen, ließ FRIEDENSBAND von Eva Zimmermann eine “Fahne der Solidarität” kreieren, die dem Direktor der Realschule übergeben wurde.

Übergabe der Unterschriften

18.5.2006 – Die fast 10.000 Pillenschachteln, die bei der groß06-aids501-001en Aktion zum Weltaidstag unterschrieben wurden, sollten in einer besonderen Form dem Aktionsbündnis gegen Aids übergeben werden: Gemeinsam mit dem Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln entstand die Idee einer großen Aktion vor dem Kölner Dom.

Auch hier fand wieder zusammen mit den Jugendlichen eine intensive Planung statt. Wie können wir es schaffen, innerhalb von zwei Stunden alle Pillenschachten aufzufalten, etwa 70 Schachteln so zu verkleben, dass aus ihnen drei große Türme gebaut werden könnte?06-aids-081

Am 18. Mai 2006 kamen 50 SchülerInnen nach Köln. Vom Diözesanrat erhielten wir zwei lange Tischreihen. Wir kauften 12 Packkleberoller und die Jugendlichen schafften es. Die “Fabrik” zog ebenso viele Neugierige an wie die drei großen Türme die auch in den Medien stark wahrgenommen wurden.

 

 

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