Erwachsenenbericht

Seit 2008 arbeiten wir an Konzepten für einen Erwachsenenbericht. Wir gehen dabei davon aus, dass nur die Jugendlichen die Lösung finden können. Warum?

Die Bundesregierung, Shell und Andere interessieren sich seit jeher für das Verhalten der Jugendlichen. Sie nehmen junge Menschen unter die Lupe, um daraus Schlüsse für Gesellschaft, Wirtschaft, Medien und Politik ziehen zu können.

Das große Ungleichgewicht in unserer Gesellschaft wird aber nicht von Jugendlichen verursacht, sondern von Erwachsenen. Wenn Jugendliche zu Recht beklagen, dass die Erwachsenen ihnen ein Welt hinterlassen, in der sie selbst ganz sicher nicht leben wollen, dann scheint es notwendig zu sein, dass sie ihr Recht auf Partizipation einlösen können.

Wer also untersucht die Erwachsenen, die für die Kriege, Klimakatastrophen, für Armut und Gewalt verantwortlich sind? Sie untersuchen sich selbst! Niemand wird das für eine vernünftige Vorgehensweise halten.

Im Erwachsenenbericht wird die Situation umgekehrt. Die Jugendlichen untersuchen das Verhalten und Handeln der Erwachsenen und bewerten es. Dabei könnte sich ein für beide Seiten fruchtbarer Prozess entwickeln.

 

Vorarbeiten

Mit FRIEDENSBAND haben 2003 Journalist*innen begonnen, Aktionen und Projekte zusammen mit Jugendlichen zu entwickeln, die ihnen eine Stimme geben und sie an gesellschaftlichen und politischen Prozessen beteiligt. Sie lernen eine Situation kritisch zu betrachten, Schlüsse zu ziehen und die Verantwortlichen anzusprechen.

Die 2003 von uns entwickelte „Aktion Rote Hand“ ist heute in vielen Ländern der Welt zentraler Ausdruck der Jugendlichen und der Kinderrechtsorganisationen gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten. Kinder müssen töten! Das können sich nur Erwachsene ausdenken, die jede Form von Anstand verloren haben. Aufgrund vielfältiger wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge können sich aber auch deutsche Politiker*innen diesen Vorwürfen nicht entziehen. Da kann es zum Beispiel um Diamanten und Cobalt gehen, um Kleinwaffen und eine unehrliche Diplomatie.

Seit 2005 beteiligen wir Jugendliche zu allen Landtags-, Bundestags- und Europawahl mit dem Projekt „Faires Wahlcafé“ am politischen Prozess und geben ihnen die Möglichkeit, Erwachsene zum Wählen zu motivieren. Jugendliche haben im Vorfeld mit selbstgemachten Plakaten und Flyern zum Wählen aufgefordert und am Wahlsonntag mit fair gehandelten Kaffee und Kuchen die Wähler*innen belohnt. Natürlich lassen es sich die Jugendlichen nicht nehmen, mit eigenen Flyern und Plakate und vielen Gesprächen ihre Wünsche für ihre Zukunft deutlich zu machen. Spitze war eine Klasse, die mit einer Demonstration in ihrem Wahlbezirk viel Aufsehen erzeugten und manche Erwachsenen nachdenklich machten.

 

Mit dem “Angst-Orte suchen”, gingen wir auf Wünsche von Jugendlichen ein, etwas gegen die Angst in unserer Gesellschaft zu tun. Ein spannender Prozess begann. In Workshops gingen wir den Ängesten in unserer Gesellschaft nach und landeten dabei immer wieder bei sexualisierter Gewalt. Dann fragten die Jugendlichen in ihrer Umgebung und auf der Straße nach Punkten in ihrer Stadt, die Angst machten, zeichneten sie auf einer Stadtkarte ein und fügten ihre Lösungsvorschläge dazu. Am Ende des Prozesses waren Stadtverwaltung, Polizei und Jugendamt begeistert über die sehr detaillierten Angaben und die Lösungen. Viele wurden umgesetzt. Vor allem aber hatten die Jugendlichen sich mit ihren Ängsten beschäftigt und gelernt, sie zu benennen und Auswege dafür zu finden.

 

 

Mit dem Projekt „Politik in Aktion“ haben wir 2014 und 2015 gezeigt, dass Jugendliche ihren Beitrag zum sehr komplexen Gesetzesvorhaben “Integrationsstärkungsgesetz” im Landtag NRW leisten können. Den 93-Seiten umfassenden Gesetzesentwurf ließen wir in den Workshops schnell beiseite. Statt dessen beschäftigten sich die Jugendliche in drei Schulen mit ihren eigenen Vorstellungen, befragten Expert*innen, besuchten den Landtag und konnten schließlich den Landtagsabgeordneten hochinteressante Informationen geben, die sicherlich auch Berücksichtigung fanden. Ein Beispiel: “Wir haben einen 15jährigen Jungen gefragr, der ohne Hilfe in der Disco nicht flirten kann. Wir wollen Sie ihm helfen?”

 

Mit dem „Kongress geflüchteter Jugendlichen“ ließen wir 2016 die jungen Expert*innen in der Fluchtproblematik über ihre Situation beraten. Zwei SE-Klassen konnten nach einem Einstieg zu FREIHEIT und RESPEKT vier Arbeitsgruppen einrichten. Eine bestand nur aus Mädchen und beschäftigen sich mit ihren Rechten. Eine reine Jungengruppen behandelten das Thema „Meine Schwester, deine Schwester“, also die Frage, ob alle Frauen den gleichen Respekt verdienen. Zwei gemischte Gruppen beschäftigten sich mit den Fragen „Gastgeber“ und “Gast“. Am Ende stand eine Resolution, die Politik und Medien verblüfften. Die Projekte mit geflüchteten Jugendlichen in SE-Klassen zeigten, dass auch sie sich in anspruchsvollen Prozessen einbringen können. Entsprechend wollen wir auch ihre Sicht im Erwachsenenbericht einfließen lassen.

Es sind aber vor allem die Erfahrungen im Projekt „Restrisiko“, die uns zeigten, wie leicht es ist, Jugendliche für eine höchst anspruchsvolle Projektarbeit mit ambitionierten politischen Themen zu gewinnen. Wir gaben den Schüler*innen in fünf Realschulklassen lediglich die knapp formulierte Anweisung, jeweils fünf Arbeitsgruppen pro Klasse zu bilden, die jede  ein bundespolitisches Thema bearbeiten sollte. Eingangs konnten sie eine Analyse des Ist-Zustandes aus ihrem vorhandenen Wissen heraus entwickeln. Daraus sollten sie eine Zielmarke formulieren. Im nächsten Schritt sollten sie für die nächste Stunde Augen und Ohren offenhalten und recherchieren. Sie wurde zu Expert*innen für ihr Thema und fügten ihren ersten Erkenntnissen die neuen hinzu. Daraus entstanden Portfolios, die die Lehrer*innen und auch die Landeszentrale für politische Bildung NRW erstaunten, die das Projekt zur Hälfte finanziert hatte. Jede Gruppe hatte schließlich höchst interessante Ergebnisse geliefert.

 

Erwachsenenbericht starten

Wir denken, dass das Kinderrechtejahr 2019 ein guter Anlass sein könnte, den Erwachsenenbericht zu starten. Entscheidend ist, dass die Jugendlichen selbst die Fragen, Werkzeuge und Formen bestimmen.

FRIEDENSBAND würde für Finanzierung und Unterstützung sorgen.